Frühgeburten
Von
Martina Busch und
Edeltraud Simon
1 Definition
Eine "normale" Schwangerschaft dauert vom Tag der letzten Regel bis zur Entbindung 40 Wochen. Das durchschnittliche Gewicht des Neugeborenen beträgt etwa 3500 Gramm, seine Größe rund 50 cm.
Von einer Frühgeburt spricht man bei vorzeitiger Entbindung in der 24. - 37. Schwangerschaftswoche. Das Geburtsgewicht liegt zwischen 500 und 2500 Gramm.
Bei Frühgeborenen gibt es ferner folgende Unterscheidungen:
Normale Frühgeborene (eutroph/appropriate for gestational age). In jeder Schwangerschaftswoche hat das Kind ein bestimmtes Gewicht, wenn die Schwangerschaft normal verläuft. In der 30. Woche zum Beispiel wiegt es in der Regel 1500g. Kommt es also schon in der 30. Woche zur Welt und wiegt 1500g, so spricht man von einem normalen oder eutrophen Frühgeborenen.
Frühchen mit "Untergewicht" (hypotroph/small für gestational age). Kommt ein Frühgeborenes in der 30. Woche zur Welt und wiegt statt 1500g nur 1000g, so hat es "Untergewicht". Ursache kann hier zum Beispiel eine Unterfunktion des Mutterkuchens (Plazentainsuffizienz) sein. Oder aber die Mutter hat in der Schwangerschaft stark geraucht.
Frühchen mit "Übergewicht" (hypertroph/large for gestational age). Kommt ein Frühgeborenes in der 30. Woche zu Welt und wiegt statt 1500g aber 1800g, so hat es "Übergewicht". Ursache kann sein, dass die Mutter zum Beispiel Diabetes mellitus hat.
2 Statistik und Überlebenschancen
Die Frühgeburtenhäufigkeit in Deutschland liegt bei 5-8%. In Bayern kommt etwa jedes zwölfte Baby zu früh zur Welt. 2007 waren in Bayern unter den rund 106.000 Geburten 9.000 früh geborene Kinder. Obwohl die Frühgeburten nur einen kleinen Teil aller Geburten ausmachen, sind sie für etwa drei Viertel der Säuglingssterblichkeit verantwortlich. Die Überlebenschance wächst mit jeden Tag, den die Geburt hinausgezögert werden kann. Denn entscheidender als das Gewicht des Neugeborenen ist die Reife des Kindes.
3 Ursachen
Sowohl körperliche als auch seelische Ursachen können das vorzeitige Einsetzen von Wehen auslösen und eine Schwangerschaft vor dem errechneten Geburtstermin beenden. Mögliche Ursachen können u.a. sein:
- Mütterliche Erkrankungen u.a. Diabetes mellitus, Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft, Gestosen (schwangerschaftsspezifische Erkrankungen), Asthma bronchiale, Blutarmut, Bluthochdruck, Nierenprobleme
- Gebärmutteranomalien
- Gebärmuttermyome
- Schwäche des Gebärmutterhalses (Zervixinsuffizienz)
- Infektionen im Genital- oder Harnwegsbereich
- vorzeitiger Blasensprung
- Störung des Stoffwechselhaushalts
- Magnesiummangel
- Störung des Hormonhaushalts
- Mehrlingsschwangerschaften
- Fehl- oder Missbildungen sowie Stoffwechselerkrankungen des Kindes
- Veränderte Lage und Funktion der Plazenta
Neben diesen körperlichen Ursachen können auch seelische Belastungen dazu führen, dass die Schwangerschaft vorzeitig zu Ende geht, z.B. großer beruflicher oder seelischer Stress.
Weitere Risikofaktoren:
- Zigaretten- und Alkoholkonsum
- Ungesunde Ernährung
- Starkes Übergewicht
- Ungewohnte klimatische Verhältnisse, z.B. bei Reisen oder Umzügen
- Vorausgegangene Frühgeburten
- Lebensalter der Mutter (jünger als 18 und älter als 35)
- Zwei und mehr vorangegangene Aborte (Fehlgeburten)
- Fünf und mehr Geburten
- Körperliche Belastung
4 Drohende Frühgeburt
4.1 Anzeichen
Das charakteristische Zeichen der drohenden Frühgeburt ist das vorzeitige Einsetzen der Wehentätigkeit. Meist kommt es zusätzlich zum vorzeitigen Blasensprung. Weitere Anzeichen für eine bevorstehende Frühgeburt können Blutungen, ein geöffneter Muttermund, ziehende Schmerzen im Unterleib und plötzliche Schwächezustände mit Übelkeit und Erbrechen sein. Sobald eine Schwangere mögliche Anzeichen für eine Frühgeburt wahrnimmt oder unklare Beschwerden verspürt, sollte sie umgehend ihren Arzt aufsuchen.
4.2 Maßnahmen
Es hat sich erwiesen, dass Frauen, die alle Vorsorgeuntersuchungen genutzt und die erste Untersuchung bereits vor Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche in Anspruch genommen haben, wesentlich seltener unter Komplikationen litten oder eine Frühgeburt hatten. Neben den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen sollte eine werdende Mutter auch dann ärztlichen Rat einholen, wenn sie unklare Beschwerden oder Schmerzen verspürt, bei Ausfluss bzw. Juckreiz im Genitalbereich oder wenn Blutungen einsetzten. Mögliche Gefährdungen sollen möglichst früh erkannt werden, um eine drohende Frühgeburt zu verhindern. Dieser Aufschub bedeutet für das Baby oft wertvolle Zeit, in der sein Organismus reifen kann.
Therapie mit wehenhemmenden Mitteln
Werden vorzeitige Wehen festgestellt, so kann eine Therapie mit wehenhemmenden Mitteln (Tokolytika) eingesetzt werden, die den Geburtstermin um Tage oder sogar Wochen hinauszögern kann. Dabei handelt es sich um Medikamente, die zu einer Erschlaffung der Gebärmuttermuskulatur führen, so dass Wehen nicht mehr auftreten und der Muttermund sich nicht weiter öffnet. Manchmal gelingt es, die wehenhemmenden Mittel in Zusammenhang mit strenger Bettruhe so erfolgreich einzusetzen, dass die Schwangerschaft bis zum errechneten Geburtstermin gehalten werden kann. Diese Mittel können gegebenenfalls Nebenwirkungen wie Juckreiz, Hautausschlag, Übelkeit und einen Anstieg der Herzfrequenz (Tachykardie) hervorrufen.
Cerclage
Wenn eine Frühgeburt aufgrund einer Schwäche des Gebärmuttermundes droht, kann der Muttermund künstlich verschlossen werden (Cerclage). Dabei wird unter Vollnarkose ein Seiden- oder Perlonfaden um den Gebärmutterhals (Cervix) gelegt, der den Gebärmutterhals geschlossen hält. Etwa drei Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin, spätestens wenn die Wehen einsetzten, wird der Faden wieder gezogen.
Vitaminmangel
Manchmal ist auch ein Mangel an Vitaminen (z.B. Folsäure) für eine frühzeitige Beendigung der Schwangerschaft verantwortlich. Durch regelmäßige Blutuntersuchungen kann dieser Vitaminmangel frühzeitig erkannt und mit entsprechenden Vitaminpräparaten behoben werden.
Schwangere Frauen mit einer drohenden Frühgeburt sollten umgehend in ein Krankenhaus eingewiesen werden.
5 Geburt und Erstversorgung
Lungenreifung
Bei Frühgeborenen ist die Lunge meist noch unreif und für die Atmung außerhalb des Mutterleibes nicht genügend vorbereitet. Im Mutterleib braucht das Kind seine Lungen noch nicht, da es seinen Sauerstoff aus dem Blut der Mutter bezieht. Ist die Geburt trotz Bemühen nicht aufzuhalten und beträgt das Alter des Kindes weniger als 34 Schwangerschaftswochen, wird der Arzt versuchen, die Reifung der Lunge mit Medikamenten (z.B. Kortison) zu beschleunigen. Bleibt die Lungenreifung aus oder unvollständig, bekommen solche Kinder sehr häufig ein Atemnotsyndrom. Sie können nicht ausreichend selbst atmen und brauchen Atemhilfen. Entweder muss ihre Atemluft im Brutkasten zusätzlich mit Sauerstoff angereichert werden, oder aber eine Beatmungsmaschine muss die künstliche Beatmung des Babys vorübergehend übernehmen.
Frühgeborenenstation
Die Entbindung soll nach Möglichkeit in einer Klinik mit Neonatologiestation erfolgen. Diese sind speziell auf Frühgeborene eingestellte Stationen, die über Brutkästen (Inkubatoren) sowie Fachpersonal verfügen, das mit der intensivmedizinischen Betreuung unmittelbar nach der Geburt beginnen kann. Ein Transport des Babys in ein solches Spezialzentrum erst nach der Geburt ist mit hohen Risiken für das Frühgeborene (z.B. Auftreten von Hirnblutungen) verbunden.
Geburtsarten
Da Frühgeborene gegenüber Druckeinwirkungen sehr empfindlich sind, muss eine möglichst schonende Geburt gewährleistet werden. Die Art der Entbindung richtet sich auch nach der Lage des Kindes im Mutterleib. Folgende Möglichkeiten stehen dabei zur Verfügung:
Kaiserschnitt (sectio caesarea)
Entbindung mit der Zange (Forzeptsentbindung): Bei dieser Art der Entbindung auf natürlichem Weg umschließen die beiden löffelartigen Hälften der Zange schützend den Kopf des Babys.
Spiegelentbindung (Spekulumentbindung): Mit zwei gebogenen "Schuhlöffeln", die in die Scheide eingeführt werden, dehnt der Arzt den Geburtskanal auf und leitet unter dem Schutz seiner Hand den kleinen Kopf nach außen.
Die richtige Körpertemperatur spielt bei Frühgeborenen eine lebenswichtige Rolle. Frühchen haben zu wenig Fettgewebe unter der dünnen Haut und verlieren sehr schnell ihre Körperwärme. Die geringe natürliche Käseschmiere reicht als Isolierung nicht aus. Daher wird es nach Geburt umgehend auf einen vorgeheizten Behandlungstisch gelegt, an dem die Erstversorgung und Untersuchung durch den Arzt statt findet oder sogleich in einen warmen Brutkasten.
Die Eltern werden möglichst früh in die Behandlung des Kindes miteingebunden. Besonders der enge Körperkontakt ist für das Kind nun sehr wichtig. Der frühe Eltern-Kind-Kontakt hat für die weitere Entwicklung von Körper und Seele des Frühgeborenen herausragende Bedeutung und beschleunigt den Gesundungsprozess.
Mögliche Komplikationen bei Frühgeborenen:
- Gehirnblutungen
- Lungenfunktionsstörungen bei unreifer Lunge
- Atemstillstand, weil der Atemreflex noch unreif ist
- Neugeborenengelbsucht, weil die Leberfunktion noch nicht reif ist
- Erhöhtes Infektionsrisiko, weil die Körperabwehr noch nicht voll ausgebildet ist
- Trinkstörungen
- Temperaturregulationsstörungen
6 Weitere Entwicklung des Kindes
Die weitere Entwicklung des Frühgeborenen läuft umso besser, je reifer es zum Zeitpunkt der Geburt war und ob Komplikationen auftraten. Aufgrund der medizinischen Fortschritte (verbesserte Beatmungsgeräte, Medikamente) sind die Sterbefälle bei Frühgeborenen zurückgegangen, es werden auch weniger Spätschäden registriert.
Die meisten Frühgeborenen entwickeln sich langsamer als ihre Altersgenossen, die zum errechneten Geburtstermin auf die Welt kommen. Als Faustregel gilt, dass dieser Entwicklungsrückstand bis zum Eintritt ins Schulalter ausgeglichen ist. Eine Ausnahme sind die extremen Leichtgewichte. Danach haben Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 1000g in der Schule doppelt so häufig Lernschwierigkeiten wie Kinder mit einem Geburtsgewicht von 2500g.
Die Art des Umgangs mit dem Kind, die Gestaltung der Umgebung und vor allem eine frühe Förderung seiner Fähigkeiten können allerdings mögliche Entwicklungsverzögerungen ausgleichen.
7 Weitere Informationen
- Bundesverband
"Das Frühgeborene Kind e.V."
Fruehchen.de -Selbsthilfeportal betroffener Eltern
Fruehchen-Netz.de - virtuelle Selbsthilfegruppe für die Eltern frühgeborener Kinder
Onmeda.de -medizinische Information für den Laien
Netdoktor.de
Literatur:
- BRÜGGEMANN, Dr.med. Jan Hein (Hrsg.) (1993): Zu früh ins Leben?: Was alle Eltern über Risiko- und Frühgeburt wissen sollten, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
- GARBE, Werner (2004): Das Frühchen-Buch, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
- GEBAUER-SESTERHENN, Birgit; VILLINGER, Dr. med. Thomas (2001); Schwangerschaft und Geburt: Informieren, Orientieren, Begleiten, Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München
- STEIDINGER, Jürgen; UTHICKE, Klaus J. (1996): Frühgeborene: von Babys, die nicht warten können, Rowohlt, Reinbek



