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"Babyklappenfieber" (Kommentar)

1 Einleitung

Bild: Babyklappe (Quelle: tdh.de)
Babyklappe (Quelle: tdh.de)

Die Fronten sind beinahe unversöhnlich - diesmal zwischen Laien, Kirchen und der professionellen Szene. Während Befürworter von Babyklappen (Babyfenstern, Babynestchen) und Anonymer Geburt diese Einrichtungen für notwendig halten, um Aussetzungen/Tötungen von Neugeborenen zu verhindern, melden sich zunehmend kritische Stimmen zu Wort (Terre des hommes, ärztliche Fachgesellschaften, der Deutsche Kinderschutzbund, Adoptionsexperten, Jugendbehörden), die bezweifeln, dass das auf den ersten Blick überzeugende Konzept Erfolg haben wird. Doch wer sich dieser gegenwärtigen Euphorie nicht kritiklos anschließt, den trifft schnell der Vorwurf, sich mitschuldig zu machen am Tode einiger Kinder und es mit dem "Lebensschutz" nicht ganz so ernst zu meinen.

2 Die Fakten

  • Es gibt eine "Kindsaussetzung zum Leben". Die Neugeborenen sind bekleidet und werden in sicheren Behältnissen an Orten abgelegt, die eine Auffindung garantieren. Manchmal wartet die Mutter sogar, bis das Kind in Sicherheit ist.
  • Und es gibt eine "Kindsaussetzung zum Tod". Die Säuglinge sind nackt, werden achtlos "entsorgt"/weggeworfen bzw. - manchmal bereits tot - an Orten versteckt, die ein Entdecken erschweren.

Kindsaussetzungen zum Tode hin bzw. Kindstötungen werden von Frauen vorgenommen, bei denen eine erhebliche Persönlichkeitsproblematik vorliegt. Sie sind nicht in der Lage, angebotene Hilfen in Anspruch zu nehmen. Sie verleugnen die Schwangerschaft und werden von der - meist alleine durchgestandenen - Geburt "überrascht". Im Sinne einer Stress- und Panikreaktion kann es möglicherweise zu Tötung und/oder Aussetzung des Säuglings (durch die Frau oder durch "Dritte") kommen.
Nach alledem, was die Wissenschaft bislang weiß, gibt es keine Hinweise darauf, dass für solche Situationen Babyklappen bzw. die Anonyme Geburt eine annehmbare Alternative zur Aussetzung bzw. Tötung des Kindes sein könnten. Panik und bewusstes, zielgerichtetes Handeln schließen sich gegenseitig aus.

Die Kritiker dieser Hilfsangebots-Entwicklung befürchten, dass mit diesem Angebot nicht nur der angesprochene Klientenkreis nicht erreicht wird, sondern sogar noch größere Probleme geschaffen werden, ohne dass die Zahl der Findelkinder - tot oder lebendig - abnehmen wird. Frauen/Männer mit ganz anderer Hintergrundproblematik könnten die Angebote dann "zweckentfremden", z.B.:

  • Mädchen und Frauen , die massiver Gewalt ausgesetzt sind (Zwangsprostitution, Inzestbeziehungen) und die gezwungen werden, sich des Kindes auf diesem Wege zu "entledigen" (z.B. missliebige Kinder aus der kriminellen Szene; Väter, die nicht zahlen wollen). Oder: Täter nutzen die Möglichkeit einer Anonymen Geburt, um das nicht gemeldete und heimlich aus der Klinik gebrachte Kind für illegale Taten zu ‚verwenden' (illegale Adoptionen; Prostitution).
  • Eltern einer jungen Mutter, welche die "Schande" fürchten oder einfach nicht bereit sind, einen weiteren "Mitesser durchzufüttern".
  • Frauen mit vorübergehenden psychischen Störungen in der Schwangerschaft (Depression, Angst-/Zwangssymptome), die dann z.B. diesen vermeintlich leichteren Weg wählen als z.B. ein Adoptionsverfahren.

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3 Die rechtliche Seite

Die bestehende Praxis, der Mutter Anonymität zuzusichern ist - so Prof. Dr. Wolf, Humboldt-Universität Berlin - mit dem geltenden Recht nicht vereinbar (So darf z.B. auch Samenspendern nicht Anonymität zugesichert werden!). Das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung kann ggf. gerichtlich durchgesetzt werden. Anonymität zu Lasten schutzwürdiger Rechtspositionen des Kindes ist rechtswidrig und unwirksam. Die laufenden Bemühungen, Babyklappen und Anonyme Geburt zu legalisieren müssen sehr weitgreifend sein. Sie müssen quasi das bisherige Eltern-Kind-Verhältnis auflösen, ohne ein neues Eltern-Kind-Verhältnis begründen zu können.

4 Besteht eine Notwendigkeit - um eine "Not zu wenden"?

Laut Prof. Dr. Swientek, Universität Hannover, werden selbst in Fachkreisen von den Initiatoren nur wenige "Fälle" zur Diskussion dargestellt (was angesichts der Darstellung von "Erfolgen" und "Notwendigkeit zum flächendeckenden Ausbau dieser Hilfsangebote" irritierend anmutet!). All die ihr bekannten Situationen, wo Personen bzgl. der Möglichkeit zur Anonymen Geburt nachfragten, hätten mit den bestehenden Angeboten geklärt werden können. Die geschilderten Situationen sind Beratungsstellen und Behörden bekannt und es bestehen angemessene Konfliktlösungsstrategien. Beispiele:

  • Elternpaar verlangt anonyme Geburt. Der Kindsvater ist anderweitig verheiratet. Man will in der Kleinstadt den Tratsch verhindern (und wahrscheinlich seine Ehe retten).
  • Kindesmutter ist nicht krankenversichert, will das Kind auch nicht behalten.
  • Kindesmutter ist Prostituierte und hat schon mehrere Kinder, die alle versorgt sind.
  • Kindesmutter erscheint mit Freund, Vater und Mutter und verlangt anonyme Entbindung, weil sie vergewaltigt worden sei.
  • Kindesmutter hält ihre Schwangerschaft vor ihrem neuen Freund geheim, der nicht der Kindsvater ist. Sie möchte ihn nicht wegen des Kindes verlieren.
  • Türkische Eltern (legaler Aufenthalt) verlangen von ihrer Tochter den Verzicht auf das Kind, die totale Anonymität und sofortige Krankenhausentlassung nach der Entbindung.

(Quelle: Swientek, Zeitschrift: Familie-Partnerschaft-Recht, 05/2001)

Muss Anonymität gegeben sein? Genügte nicht auch Diskretion?

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5 Situation der abgebenden Eltern und der Findel- und Adoptivkinder

Seriöse Adoptionsstudien belegen,

  • dass Frauen, die ihr Kind ohne angemessene Beratung und Begleitung zur Adoption freigegeben haben, nicht immer - aber oft - ihr Leben lang mit erheblichen Problemen zu kämpfen haben und
  • dass die Kenntnis über die genetische Abstammung für Kinder von erheblicher Bedeutung ist.

6 Bemerkenswertes Engagement

Was steckt hinter dem Eifer so vieler Laien? Bürgerliches Engagement, weil "Vater Staat" sich nicht ausreichend für den Lebensschutz einsetzt? Eine fragwürdige Chance zum institutionellen oder persönlichen Imageaufbau? Ein liebenswert-naives "Helfen-Wollen", wo es doch so viele Felder allein im Familien- und Kinder-/Jugendbereich gibt, wo verlässliches Engagement händeringend gesucht wird (oder wenn man sich den Blick nicht verstellt und das menschliche Elend ein "paar Kilometer weiter" sieht: alle 10 Sekunden stirbt ein Kind, nur weil es nicht geimpft ist; alle zwei Minuten stirbt ein Kind in Afrika. Von elf Millionen Kindern, die alljährlich sterben, sind acht Millionen Babys. Die Hälfte davon sind rund 15 Tage alt. Die meisten Todesfälle wären zu verhindern. Wäre da mancher Einsatz nicht angesagter, als Löcher in Krankenhauswände zu schlagen und auf das "erste Baby" zu warten?). Oder sieht der eine oder andere private "Anbieter" einer Babyklappe oder einer privaten Klinik nun schon mal die Möglichkeit, entsetzte Eltern von ungeplant schwangeren Töchtern und adoptionswillige Paare "zusammenzubringen" - natürlich nicht gegen Entgelt (Spenden werden allerdings gerne angenommen!).
Das meist genannte Argument, mit diesen Angeboten einen Schwangerschaftsabbruch zu verhindern ("Adoption statt Abtreibung") geht ins Leere. Dies bestätigt die jahrzehntelange Erfahrung von Schwangerenberatungsstellen.

7 Akademische Bremser?

Die Befürworter von Babyklappen und Anonymer Geburt halten die Diskussion für akademisch. "Bevor ein Kind sein Recht auf Abstammung geltend machen kann, muss es erst einmal leben!" - so ihr Argument.

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8 Trend der Zeit?

Wird sich diese Entwicklung so fortsetzen? In jedem Krankenhaus eine Babyklappe?
In Frankreich, wo die Anonyme Geburt seit 1941 erlaubt ist (bislang wurden dort ca. 400.000 Kinder anonym geboren, die sog. "Generation X"), geht man dazu über, sie wieder abzuschaffen.
Interessant: In Deutschland rechnen Experten mit ca. 40 - 50 Kindesaussetzungen pro Jahr. Entsprechend müßten in Frankreich ca. 30 - 40 "Fälle" anzusetzen sein. Tatsächlich finden dort jährlich etwa 600 anonyme Geburten statt, in "Spitzenjahren" bis zu 1000. Schafft das Angebot eine Nachfrage?
Deutsche Selbsthilfegruppen von Adoptierten halten den "neuen Trend" für äußerst problematisch.

9 Legalisierung

Sollte es zu einer Legalisierung der anonymen Geburt kommen, fordert die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) Mindeststandards:

  • Angebot einer psychosozialen Beratung bei Aufnahme der Mutter
  • Beratung durch qualifiziertes Personal
  • Aufbau eines Dokumentationssystems, um Daten zu Hintergründen und Alternativen zu erhalten.

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(Dieser Kommentar wurde zur Verfügung gestellt von der Staatl. anerkannten Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterBeratungsstelle für Schwangerschaftsfragen am Landratsamt Landshut.)

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Letzte Aenderung: 12.01.2010